Welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg auf Überlebende des Zweiten Weltkrieges haben kann

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Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich Prof. Gereon Heuft, Direktor der Sektion für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster, mit traumatischen Erfahrungen von Überlebenden des Zweiten Weltkrieges. Seit der ersten Veröffentlichung 1993 sind Mediziner*innen sensibilisiert, dass Patient*innen nach Jahrzehnten des Verdrängens auf einem OP-Tisch liegend in eine ähnliche Hilflosigkeit zurückversetzt werden können, wie sie sie im Krieg erlebt haben. Auch durch die aktuelle Lage in der Ukraine kann solch eine Trauma-Reaktivierung ausgelöst werden – insbesondere, weil Betroffene damals selbst Kinder waren und Assoziationen mit Ländern wie Polen und Russland haben.

Lieber Herr Prof. Heuft, die Bilder über den Krieg gegen die Ukraine machen viele von uns betroffen. In Gesprächen mit Überlebenden des Zweiten Weltkrieges wird jedoch deutlich, dass ihnen diese Situation besonders zu schaffen macht. Was bewirken die aktuellen Bilder aus der Krisenregion bei ihnen?

Heuft: Es gibt ja die letzten Jahrzehnte immer schon weltweit kriegerische Konflikte, die auch in den Medien abgebildet werden. Die Besonderheit jetzt ist, dass der Krieg in Europa stattfindet, mehr oder weniger vor unserer Haustür, und nicht wenige der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges mit den jetzt häufig genannten Ländern wie Polen und eben auch Russland ganz vielfältige Assoziationen haben. Dazu kommt die unmittelbare Bedrohungserfahrung bis hin zu diesen Andeutungen, es könnte noch einmal zu einem globalen Krieg kommen – das alles lässt mehr Wunden aufreißen, als wenn es ein Krieg in Afrika wäre, und die eigens erlebten, bedrückenden Erfahrungen lassen sich weniger gut verdrängen.

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